Mittwoch, 19. September 2018

Wollgarn - eine Welt für sich II

Hier ein kurzer Exkurs in die Wirkung unterschiedlicher Garne.
Von einem Webprojekt hatte ich etwas Kette übrig und wollte einfach die Wirkung verschiedener Garn ausprobieren.



Hier vonoben nach unten:
isländisches Einband 4,5/1, braun
isländisches Einband 4,5/1, beige
Dochtgarn 2/1, grau
isländisches Einband 4,5/1, schwarz
isländisches Einband 4,5/1, hellgrau
isländisches Einband 4,5/1, dunkelgrau
gezwirntes Wollgarn 7/2, weiß
isländisches Einband 4,5/1, weiß
isländisches Einband 4,5/1, mittelgrau



 Hier sieht man sehr schön die Unterschiede zwischen gezwirntem Garn (oben) und Einfachgarn.
Und hier ist auch sehr deutlich zu erkennen, dass der sogenannte Köpergrat (die schräge Linie, die sich durch die Bindung ergibt) verändert, wenn sich die Dicke des Garns verändert, oben ein Einfachgarn, das etwa doppelt so dick ist wie das Garn unten.
Der Köpergrat wird steiler oder flacher je nach Garn, eine häufig beobachtete Besonderheit bei  historischen Textilfunden.

Montag, 3. September 2018

Wollgarn - eine Welt für sich



Angeregt durch mehrere Unterhaltungen und Diskussionen, aber auch durch die Probleme passendes Wollgarn für bestimmte Projekte zu bekommen, will ich hier in drei Abschnitten mein Wissen über Wollgarn mit euch teilen.
1. Technische Begriffe
2. Geschichtlicher Abriss
3. Passendes Garn zum passenden Projekt

Heute geht es nur um die Begriffe und technische Ausdrucksklärung. Bei wikipedia bekommen wir einen ersten Eindruck ins Thema:
Garn bei Wikipedia
und da stoßen wir dann auch auf die erste Verwirrung. Laut des Artikels wird ein Garn tierischer Herkunft auch als Wolle bezeichnet. Nein, liebes Wikipedia, das hat sich vielleicht (falsch) so eingebürgert, stimmt aber so nicht.
Es begegnet uns allenthalben, dass Garn, auch nicht tierischen Ursprungs, als Wolle bezeichnet wird.
Wolle vom Islandschaf

Wolle ist aber erstmal nur der Begriff für eine Faser von Tieren (auch hier ist Wikipedia nützlich: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolle), und damit wird nichts über die Form der Fasern ausgesagt, liegt sie nur in unbearbeiteter, gesponnener, gefilzter, gekämmter oder was auch immer vor.
Rechtlich gesehen darf nach dem Textilkennzeichnungsgesetzt auch nur die Faser Wolle genannt werden, die vom Schaf (ovis aries) stammen oder ein Gemisch mit anderen Haaren von Tieren.
Quelle: Textilkennzeichnung
Wird die Faser gesponnen, entsteht daraus ein Garn. Vorher kann die Faser noch verschiedene Arbeitsschritte durchlaufen: waschen, aufreißen, kämmen, kardieren, die alle einen Einfluss auf das spätere Garn haben können.

Hat die Faser den Spinnprozess durchlaufen, ensteht ein mehr oder weniger dickes Einfach-Garn, das entweder recht- oder links gedreht ist. Dabei handelt es sich um die häufig erwähnte Spinnrichtung. Hier rechts im Bild liegt ein Garn mit einer Rechtsdrehung, in wissenschaftlichen Berichten z-Spinnrichtung genannt, weil die Drehung dem mittleren Balken eines Z entspricht, im Gegensatz zur s-Spinnrichtung mit einer Linksdrehung.
Bei dem Garn rechts handelt es sich um ein sogenanntes Streichgarn, die Wolle wurde vorher kardiert, die einzelnen Fasern liegen nicht alle parallel, deshalb ist das Garn nicht glatt, sondern haarig, einzelne Fasern stehen heraus. Außerdem hat es nur einen schwachen Drall von etwa 15° bis 25 °, bei 0° lägen die Fasern parallel zueinander (gemessen zur Senkrechten)



 Werden nun zwei oder mehr Einfach-Garne in der entgegengesetzten Richtung zusammengesponnen, nennt man das neu entstandene Garn Zwirn. Zwei z-gesponnene Garne ergeben also einen s-Zwirn und andersrum.
Zwirn aus zwei Fäden
Zwirn aus drei Fäden

















Garnstärken: Da man für verschiedene Projekte verschiedene Garnstärken braucht, gibt es natürlich auch Garne in verschiedenen Dicken. Um es in der modernen Welt zu normieren, wurden Messbezeichnungen erfunden. Für Wollgarn wird heute meist das Nm-System benutzt, das für numerisch-metrisch steht und mit dem die Lauflänge aufs Gewicht berechnet wird..
Um die Nm-Stärke eines Garnes zu errechnen, misst man die Meter auf ein Gramm. NM 3 heißt also:
3 Meter des Garns wiegen 1 Gramm. Auf ein kg sind das dann 3000 m, auf 50 g (was dem handelsüblichen Gewicht der meisten Wollknäuel im Handel entspricht) sind es dann
3 m x 50 =  150 m.
Somit kann man auch schnell in Nm umrechnen, wenn auf einem Knäuel die Lauflänge (LL) angegeben ist.
Komplizierter wird es bei Zwirnen. Die Zahl hinterm Schrägstrich gibt die Anzahl der Einzelgarne an, die miteinander verzwirnt sind, 6/2 Nm sind also zwei Einzelgarne. Als Zwirn sind sie natürlich doppelt so schwer, haben also nur die halbe Lauflänge 6:2=3 m.
Oder 18/3 Nm bedeutet 18:3=6m Lauflänge.
Generell lässt sich sagen, je höher die Zahl vor dem Schrägstrich, desto feiner das Garn. Hier einige Beispiele:
Einfach-Garne: von links nach rechts
Nm 4, Nm 5, Nm 8, Nm 15





















Zwirne: von links nach rechts
Nm 6/3, Nm 6/2, Nm 8/2, Nm 10/2, Nm 18/3, Nm 20/2, Nm 48/2

Montag, 20. August 2018

Endlich wieder da

Nachdem der Blog jetzt über ein Jahr brachgelegen ist und seit Mai wegen dieser Datenschutzgeschichte auch abgeschaltet war, gibt es jetzt endlich wieder Neues.
Ich bemühe mich auch in Zukunft, regelmäßige einträge zu gestalten und hoffe wieder auf viele interessierte Leser.

Eisenzeit

Manchmal fischt man bei der Reproduktion von Stoffen im Trüben, weil es keine konkreten Vorlagen oder Funde gibt, und auch die Sekundär- und Tertiärquellen mehr als dürftig sind.

So auch im vorliegenden Fall: es soll ein eisenzeitliches Bekleidungsensemble aus der frühen HEK (Hunsrück-Eifel-Kultur ~ späte Hallstattzeit) entstehen, für eine Frau. Bekannt sind eigentlich nur die Metallbestandteile, die sich wie folgt im Fund verteilt haben:
Schläfenwendelringe sind ein guter Anzeiger für die
Zeitspanne.

















Es ist immer etwas mühsam, ein Kleidungsstück zu rekonstruieren über das es nur vage Informationen gibt und schwammige Bilder. Hier geht es um einen Rock einer Frau der HEK I bzw. späten Hallstattzeit. Die spärlichen Textilfunde aus dieser Region lassen zumindestens mal eine Leinwandbindung plausibel erscheinen, außerdem sind auf den Situlenbildern http://verlag.nhm-wien.ac.at/buecher/Groemer_2010_E_Urgeschichte.pdf, S.365 und auf dem Tintinnabulum von Bologna http://informa.comune.bologna.it/iperbole/media/5/villa_31b_copia.jpg am Rockrand Borten zu erkennen.
Im Fundgut von Hallstatt finden sich brettchengewebte Borten, aber auch Ripsborten
In der Moderne werden solche Borten meist fälschlich als kammgewebt bezeichnet, Webkämme kamen erst viel später auf und erzeugen zur allgemeinen Verwirrung beitragend das gleiche Webbild. Wie die Hallstätter Borten nun schlussendlich erzeugt wurden, kann nur vermutet werden, denkbar wäre ein Litzenstab wie beim Gewichtswebstuhl.
Die Ripsborten entstanden auch wie in Fund zB Hallstatt 124 direkt am Gewebe, zur Technik mehr bei Grömer, ab S.99

Nach einigen Funden in der betreffenden Region wurde in der Übergangszeit von Hallstatt nach Latene Zwirn in der Kette und Einfachgarn im Schuss verwendet (siehe auch Seiffert in: Pracht und Herrlichkeit, Morbach 2017), im vorliegenden Fall habe ich das Garn für beide Systeme mit Indigo in einem waidblauen Ton gefärbt und für die Borte wurde ein Garn in kermesähnlichem und naturweißem Zwirn verwendet. Die Borte entsteht beim Webprozess.

Freitag, 24. März 2017

Röggvarfeldur reloaded II

Bei meinem letzten Besuch in Island habe ich von verschiedenen Leuten schwarzes Islandvlies bekommen. Wieder zu Hause habe ich angefangen, das Tog (die langen Deckhaare/Grannenhaare) vom  Þel (der feinen weichen Unterwolle) zu trennen. Das wird traditionell in Island so gemacht, das þel wird zu feinem weichen Garn versponnen, Tog wird für beanspruchtete Kleidung oder Teile davon gebraucht oder als Nähfaden.

Hier ist ein Teil des Vlieses und man kann die unterschiedlichen Haare schon an ihrer Länge erkennen.




Das Tog (übrigens ein ethymologischer Zusammenhang mit unserem ziehen, zog, gezogen ist durchaus erkennbar) hängt meistens an den Spitzen etwas zusammen, so dass man es leicht fassen kann und herausziehen.
















Hier kann man schön die getrennten Fasern sehen, links das Tog und rechts die Unterwolle, die ich für spätere Projekte aufhebe, weil ich sie diesmal nicht brauche.

 Jeweils zwei solcher Büschel werden an den Enden zusammengelegt und etwas miteinander verdreht.












Ich werde pro Reihe etwa 16 Büschel brauchen und wollte mal wissen, wieviel Zeit ich dafür benötige. Fertig zum Weben brauche ich für die 16 Locken etwa 19 min. Ich werde zum Schluss zählen wie viele Reihen der Webpelz hat.


Freitag, 10. März 2017

Röggvarfeldur reloaded

Vor ziemlich genau 4 Jahren (Eins, zwei, drei im Sauseschritt läuft die Zeit, wir laufen mit) habe ich hier schon einmal den Versuch, einen Röggvar- oder auch Vararfeldur genannten Webpelz herzustellen, in einer kleinen Beitragsserie beschrieben, hier findet ihr die Beiträge. Jedenfalls einen Teil davon, denn Blogger hat mir bei der Überarbeitung Beiträge gefressen, sie sind nicht mehr zu finden.
Deshalb haltet euch bitte an das Inhaltsverzeichnis hier, die Verlinkungen unten auf den Seiten führen leider zum Teil ins Nichts.
http://textileflaeche.blogspot.is/p/inhaltsverzeichnis.html


Es ging eine Bestellung ein mit der Bitte nach einem Röggvarfeldur: So schwarz wie möglich. Als größeres Projekt für meinen Aufenthalt hier kommt mir das grad gelegen und ich möchte meine Erkenntnisse von vor vier Jahren mit einfließen lassen.
Natürlich gibt es auch neue Veröffentlichungen und Erkenntnisse, die im Laufe der Entwicklung hier mit aufgeführt werden, zum Beispiel sind mir in der Zwischenzeit viele Funde von Webpelzen aufgefallen. Einen davon, nämlich den Webpelz von Schleswig der wahrscheinlich als Zierelement am Kragen eine Jacke angebracht war, hat Silvia Bestgen auf ihrem Blog beschrieben
https://zeitensprung.blogspot.is/2016/02/webpelz-aus-schleswig-teil-1.html
natürlich gibt es auch andere Nachwebungen, meist auf Gewichtswebstühlen wie
hier
oder hier.

In den nächsten Tagen werde ich hier den Prozess schildern und meine Überlegungen dazu.

Sonntag, 5. März 2017

Aufwärmarbeit

Nach dem sich hier lange nichts getan hat, möchte ich nun aber wieder die Arbeiten dokumentieren, die ich hier in meiner art residency machen möchte. Ich bin seit dem 1.3. wieder im TextilSetur in Blönduós für die nächsten vier Wochen und habe mir Webarbeit mitgebracht.
Zum Aufwärmen habe ich mit einem Textil der armen Leute von Lonne Hede angefangen.
In Dänemark in Westjütland wurde 1969 und 1995 ein Gräberfeld aus der Zeit des 1. Jahrhunderts nach Christus ausgegraben. Darin befanden sich neben anderen Grabbeigaben auch der Eichensarg einer Frau, in dem sich durch die Nässe und die Gerbsäure der Eiche Textilien erhalten haben.

Diese Textilien waren so gut erhalten, dass es schon einige Reproduktionen gab, unter anderem auch ein Projekt der Universität Kopenhagen

http://ctr.hum.ku.dk/tecc/loennehede/

 Ich bin ebenfalls angefragt worden für eine Reproduktion und natürlich mach ich das gern, auch wenn da noch einiges an Recherche zu machen war.
Nun ja, kurz und gut, leider sind die Veröffentlichungen dazu rar. Es gibt etwas im 2. NESAT-Band und einen Aufsatz von Ida Demant sowie etliche Bruchstücke überall im Netz. Man gebe nur mal Lonne Hede bei Google ein und schaue sich die Bilder an.

Ich habe mir als erstes ein Textil ausgesucht, das ich so noch nicht gesehen habe. Es gehört zum Fundkompley des Grabes 2 und Ida Demant schreibt dazu:
"........Under that a red and white diamond twill appeared. It was a rectangu-lar piece which was lying folded double; it had probably been wrapped around the body originally. The size of the fabric can be roughly estimated as 40 cm wide and 100 cm long. It was vis-ible in most of the area where textiles were present so my guess is that this grave belonged to a very small person, perhaps even a child."
Ida Demant, Artikel in NESAT IX, S.86.
Übersetzung:
"........Unter diesem erschien ein roter und weißer Diamantköper. Es war ein rechteckiges Stück, das dort doppelt gefaltet lag: es war vielleicht ursprünglich um den Körper gewickelt.  Die Größe des Textils konnte nur grob geschätzt werden mit 40 cm Breite und 100 cm Länge. Es war dort sichtbar, wo die Textilien  lagen,  ich vermute, dass im Grab eine sehr kleine Person lag, vielleichht sogar ein Kind."


Da die Reproduktion für eine erwachsene Person gedacht ist, stand ich vor dem Dilemma soweit wie möglich originalgetreu rekonstruieren oder anpassen?  Ich entschied mich für eine Modifikation, schließich sollen die Textilien ja tragbar sein.
Bei der Planung ging ich also davon aus, die angegebenen Maße um die Hälfte zu vergrößern, d.h. das fertige Stück soll 60 cm breit und etwa 150 cm lang sein. Im Original war das Textil rot mit weißen Streifen, auch da entschied ich mich zu einer Veränderung und färbte noch in D für die Kette entsprechend viel Garn blau.
 Die Gewebedichte war relativ grob mit 8/7 Fäden pro cm. Deshalb konnte ich für den Schuss Lettlopi verwenden, die ich hier vor Ort gekauft habe.
Das  Besondere an diesem Stoff sind zwei Details:
1. ist der Stoff in einer Hälfte als Fischgrät gwoben, aber dann als Diamantköper, jeweils mit weißen Streifen in Halbpanama und

2. hat der Schal an allen vier Seiten Fransen, das galt es bei der Durchführung zu berücksichtigen.

Die Einrichtung eines fremden Webstuhls ist immer ein kleines Abenteuer, auch Webstühle haben ein geheimes Innenleben.
Und so war ich auch mit dem Fach nicht besonders zufrieden, aber es war so grad zu machen und der Schal war dann relativ schnell fertig.